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27. Mai 2011

Eine neue Chance für die Natur

09.06.2007 (GN)

Eine neue Chance für die Natur

Vechtetal in der Obergrafschaft wird immer mehr zum Lebensraum seltener Pflanzen und Tiere

Von Peter Zeiser

In Samern biegt Walter Oppel von der L 68 ab. Schon weniger Meter weiter steht der Wagen des Grafschafter BUND-Vorsitzenden mitten in der Natur. Die scheint für den Außenstehenden vielleicht überall in Samern zu sein, nicht aber für den ortskundigen, engagierten Umweitschützer. Angesteuert hat der Pädagoge aus Schüttorf ein schönes Fleckchen Erde im Vechtetal Samern. Es ist eine gut sieben Hektar große Grünlandfläche bei "Junkers Stau", einem alten Wehr, das vor vielen Jahren der Regulierung der Vechte diente. Es befindet sie in Höhe eines Vechtealtarms.

Intensive Landwirtschaft gehört hier der Vergangenheit an. Kühe grasen zwar auch in dieser Kulturlandschaft auf den Weiden, aber Ackerbau ist schon seit Jahren tabu. Der Mensch hat der Natur an dieser Stelle ein wenig auf die Sprünge geholfen. So entstanden in den späten 1990er Jahren eine Feuchtwiese mit flachen Teichen (Blänken) und eine Streuobstwiese, wie es sie früher allenthalben auf dem Land gab. Bei der Bewirtschaftung des Grünlands müssen die Landwirte, sprich Pächter, Auflagen einhalten.

Walter Oppel ist an diesem Maiennachmittag mal wieder auf Inspektionsfahrt. Unweit des hölzernen Infostandes, den der BUND für interessierte Besucher errichtet hat, stoppt er seinen Wagen. Der Schüttorfer hängt sein Fernrohr um und steigt über Zäune in das Vechtetal-Biotop. Vorbei an Benjeshecken, Buschwerk und Tümpeln mit Binsen und Rohrkolben, Laichkraut, Kuckuckslichtnelke und Blässhuhnnest führt sein Weg zur Vechte, die wegen des Bewuchses vorher nicht zu sehen war. Das Rindvieh wird derweil neugierig auf den "Zaungast" und seine beiden Begleiter von der Presse; die Herde kommt näher. Die Reiherenten auf der Vechte halten dagegen Abstand.

"Uns geht es hier besonders auch um die Vechte" betont der BUND-Kreisvorsitzende und zeigt auf das wild bewachsene, teils abbrechende und sandige Ufer. Den Fluss säumen breite, sich selbst überlassene Grünstreifen. Anders als früher, als die Acker bis ans Ufer reichten, können so Düngermittel oder Pestizide nicht mehr ins Wasser gelangen. "Wir versuchen, die Pflege der Ufer zu reduzieren, damit etwa Steilufer für Eisvogel, Uferschwalbe und sandgrabende Insekten entstehen können", erklärt Oppel und fügt hinzu "Eine natürliche Entwicklung ist das Ziel."

Vielfalt das ist so etwas wie das Zauberwort für die Anstrengungen des BUND, der beteiligten Kommunen, Behörden und Landwirte. Eine abwechslungsreiche Landschaft bedeutet automatisch eine Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Die Vechteaue mit ihren landwirtschaftlichen Monokulturen soll so wenigstens in Teilbereichen ihre "historische ökologische Artenvielfalt zurückerhalten". Auf einer hölzernen Info-Tafel am "Junkers Stau" steht es so geschrieben.

Wie die Renaturierung der Vechteaue gelingen kann, das ist auch einige Kilometer weiter flussabwärts eindrucksvoll zu beobachten. Gleich hinter der nördlichen Stadtgrenze von Schüttorf, bei Bauer Kiewit in Quendorf, entwickelt sich seit einigen Jahren ein Feuchtbiotop. Es ist Teil einer rund zwölf Hektar großen Fläche, die die Samtgemeinde Schüttorf vor Jahren im Konsens mit der Landwirtschaft gekauft und einer extensiven Grünlandbewirtschaftung zugeführt hat. Der Natur wird auch an dieser Stelle des Vechtetals weitgehend freier Lauf gelassen. Von Bauer Kiewit kommend, ist der Beginn der Vechteaue sofort zu erkennen: wo der bewirtschaftete Eschboden endet, fällt das Gelände zwei bis drei Meter ab.

Durch die Anlage von Flachwassermulden, die sich zeitweise mit Niederschlags- oder Grundwasser füllen, und die behutsame landwirtschaftliche Nutzung entstanden neue Lebensräume für an Wasser gebundene Pflanzen, Amphibien, zahlreiche wirbellose Tiere und Watvögel. Erste Bruterfolge von Kiebitzen und Austernfischen konnte der BUND schon bald nachweisen. Weiteren geschützten Watvögeln und Libellenarten wie Gebänderte Prachtlibelle oder Azurjungfer dient das Gebiet als Refugium. Seltene Pflanzen wachsen wieder in diesem Vechtewiesengrund, "da nicht trockengelegt wird", wie Oppel erklärt. Wasserfeder und Wasserhahnenfuß gehören ebenso dazu wie der Gemeine Frauenmantel, der feuchten Boden braucht. Fauna und Flora erfasst der BUND regelmäßig im Rahmen eines so genannten Monitorings.

Den Projektbeteiligten ist es nach Oppels Worten wichtig, die Menschen an die Biotope heranzuführen, um die Akzeptanz für die Naturschutzmaßnahmen zu erhöhen. Beim Quendorfer Vorhaben traf es sich gut, dass dort die Vechtetal-Radwanderoute und die Grafschafter Fietsentour vorbeiführen. Der Vechtetal-Radweg beginnt bekanntlich bei der Vechtequelle in der Baumberger Wasserscheide zwischen Coesfeld und Münster und endet bei der Mündung des Flusses ins Zwarte Water bei Zwolle.

Wer bei Bauer Kiewit vom Rad steigt, kann von einer Aussichtsplattform den Blick über die Feuchtwiesen schweifen lassen. Ein Holzsteg mitten durchs hohe Grass mit Wiesenschaumkraut und Sumpfdotterblumen führt dorthin. Weiter in das Gelände hineigeführt werden Besucher ebenso wie in Samern nicht. Ein Naturschutzgebiet sei das Areal aber nicht, stellt der BUND-Vorsitzende klar. "Im Herbst laufen hier die Jäger durch", fügt er hinzu.

Eine neue Chance erhält die Natur an der Vechte auch auf den nördlich angrenzenden Flächen in Quendorf. Beiderseits der Schulstraße unweit der Autobahn 30 hat die Naturschutzstiftung Grafschaft Bentheim 20 Hektar Land gekauft. Es soll ebenfalls zum Refugium werden für seltene Pflanzen und Tiere. Zäune sind gezogen, Entwässerungsgräben naturnah umgestaltet, fünf Stillgewässer angelegt und die Verträge für die Neuverpachtung zur extensiven Bewirtschaftung des Grünlands unterschriftsreif.

Auen das sind die Überschwemmungsräume an Flüssen. Durch den Eingriff des Menschen sind diese Gebiete auch entlang der Vechte biologisch verarmt. Auwälder und Sumpfflächen gibt es nur noch selten. Das Projekt der Naturschutzstiftung in Quendorf sieht denn auch als Besonderheit die Schaffung eines kleinen Auwaldes vor, der Stauwasser verträgt. An einem Altarm unweit der Schulstraße ist dazu auf einem Hektar Fläche Ackerboden abgeschoben worden. Auf dieser feuchten Fläche sind im vergangenen Winter Bäume gepflanzt worden, überwiegend Erlen und Eichen.

Auch an diesem neu geschaffenen Lebensraum in Quendorf fuhren die Grafschafter Fietsentour und die Vechtetal-Route vorbei. Eine Infotafel wird deshalb noch aufgestellt.

Die erheblichen Investitionen der Naturschutzstiftung, der Stadt und der Samtgemeine Schüttorf haben einen handfesten Hintergrund: Die erworbenen und umgestalteten Flächen dienen dazu, die anderswo vorgenommenen Eingriffe in Natur und Landschaft durch Straßenbau sowie Wohn- und Gewerbegebiete auszugleichen. Zu diesen Kompensationszwecken hat die Naturschutzstiftung allein in den Vechteauen 110 Hektar Grund und Boden erworben.

Walter Oppel ist das nur recht. Die Vechte liegt dem Umweltschützer schon seit den Kindheitstagen in Emlichheim besonders am Herzen. Der Grafschafter BUND hat nicht zuletzt auf seine Initiative hin vor neun Jahren ein "Entwicklungskonzept Vechteaue" vorgelegt. Dessen Ziel ist die "Erhaltung und Reaktivierung der Vechteaue mit ihrem Gewässernetz als natürlichen Lebensadern der Landschaft". Zwischen Schüttorf und Brandlecht hat die Vechte noch viele ursprüngliche Merkmale der Aue. Mosaiksteinartig Versucht der BUND, sein Konzept in enger Zusammenarbeit mit den öffentlichen Stellen, den Landwirten und der Naturschutzstiftung umzusetzen. Es soll ein Netz an Biotopen geknüpft werden. Es umfasst inzwischen auch Projekte in Brandlecht und Nordhorn-Hesepe.

Besuchergruppen führt Walter Oppel gern durchs Vechtetal. Mit etwas Glück hören sie bei ihrer Stippvisite die Nachtigall singen. Der Singvogel macht seinem Name in den Biotopen an der Vechte alle Ehre, liebt er doch die dort vorhandenen dichten Hecken als Lebensraum. So ist sein Bestand gestiegen.

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